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Der friedlichste Verein der Welt

Das Magazin 11Freunde befragte unseren 1. Vorsitzenden Wolfgang Abitz zum Verein. Hier das Interview:




Ein Artikel von www.11Freunde.de

Autor: Katharina Dahme



FC Internationale: Der friedlichste Verein der Welt
»Wir sind keine besseren Menschen«

Der Berliner Verein FC Internationale gilt als friedlichster Klub der Welt. Wolfgang Abitz, 1. Vorsitzender und seit fast 30 Jahren im Verein, erinnert sich im Interview mit 11FREUNDE an ewige Studenten, Ewald Lienen und eine Massenkeilerei.

Wolfgang Abitz, Ihr Verein ist über die Grenzen Berlins bekannt. Selbst Ewald Lienen setzte sich mal für Sie ein. Wie kam es denn dazu?

Wolfgang Abitz: Dabei ging es um den Namen des Vereins. Der Berliner Fußballverband wollte verhindern, dass wir uns FC Internationale nennen. Wegen des kommunistischen Beiklangs. Doch die Jugend war damals noch rebellischer und wollte sich nicht von irgendwelchen Bürokraten reinreden lassen. Sie protestierten. Selbst Ewald Lienen ergriff dann öffentlich Partei für uns. Er war als Sympathisant der Friedensbewegung einer der wenigen politisch engagierten Fußballer. Die ganze Aufregung um den Namen hätte es gar nicht gegeben, wenn wir wie geplant als 1. FC Berlin angemeldet worden wären. Das klappte aber nicht, weil mehrere West-Berliner Großvereine den Namen hatten schützen lassen. Sie planten eine große Fusion. Zu der es ja bekanntlich nie kam. 



Der Name »FC Internationale« hat ihnen den Vorwurf eingebracht, sie würden sich mit dem internationalen Zusammenschluss von kommunistischen Parteien solidarisieren. Ein berechtigter Vorwurf?


Wolfgang Abitz: Unter den Mitgliedern des Vereins gab es Sympathisanten linker Gruppen. Die bestritten aber eine solche Motivation hinter der Namensgebung. Es ging vielmehr um die Internationalität unserer Mannschaften, da spielten Menschen aus allen möglichen Nationen. Trotzdem gab es manchmal Gegenwind. Ich erinnere mich an ein Spiel unseres Vereins Ende der achtziger Jahre, da pfiffen die Zuschauer minutenlang die Internationale (Hymne der sozialistischen Arbeiterbewegung, Anm. d. Red.). Aber nicht aus Sympathie, sondern um uns zu ärgern. Wir waren immer die Exoten.  

Exoten?


Wolfgang Abitz: Wir galten als die ewigen Studenten, als Öko-Bäcker, als Lehrer im selbstgestrickten Pullover. Ich habe mich bei einem Spiel mal beim Gegenspieler beschwert, der einen aus unserem Team brutal umgehauen hatte. Ich sagte ihm, dass der am nächsten Tag doch noch arbeiten müsse. Da war ich vierzig. Und der antwortete ernsthaft: »Ihr wisst doch gar nicht, was arbeiten ist!« Wir hatten diesen Ruf. Und dann bekamen wir noch als erste Männermannschaft der Berliner Landesliga eine Frau als Trainerin. Da war was los, kann ich ihnen sagen.  

Erzählen Sie!


Wolfgang Abitz: Wir schalteten eine Anzeige: »Der FC Internationale sucht »eine(n) Trainer(in).« Mirjana Kovacev meldete sich bei uns und wir stellten sie ein. Da war halb Deutschland in Aufregung, selbst das Fernsehen tauchte auf unserem Trainingsplatz auf. Für die Mannschaft war das eine sehr aufregende Zeit. Sogar Bayern-Manager Uli Hoeneß meldete sich zu Wort, er setzte dem Ganzen die Krone auf, als er im ARD-Morgenmagazin fragte, wo die Trainerin denn bitteschön duschen gehen solle. Aber Mira konnte einstecken. Sie hatte auch einige Sprüche auf Lager.  

Zum Beispiel?


Wolfgang Abitz: Mit einer dieser Fußballer-Phrasen hat sie unsere Spieler regelmäßig geärgert. Wenn einer im Zweikampf nur halbherzig zur Sache ging, sagte sie: »Du, das ist kein Mädchenfußball hier!« Einmal flehte sie ein Spieler an: »Mira, schrei uns doch bitte nicht so an, das irritiert uns nur!« Die konnte richtig toben. Wie ein Kerl.


Dass der FC Internationale kein Verein wie jeder andere ist, zeichnete sich schon in der Gründungsphase ab. Sie haben sich aus Protest zusammengetan.

Wolfgang Abitz: Wir waren enttäuscht und genervt von der Kommerzialisierung im Amateurfußball. Einige Spieler wurden bezahlt, andere nicht. Das führt zwangsläufig zu Neid und schlechter Stimmung. Dann heißt es auf dem Platz schnell mal: »Für die Kohle kannst du ruhig ein bisschen mehr laufen.« Einige Spieler waren darüber so frustriert, dass sie einen Verein gründen wollten, in dem Fußball lediglich aus Leidenschaft und Spaß gespielt wird. Nicht ohne Leistungsgedanken, aber ohne Gehalt. Sogar Wolfgang Dieckmann war dabei, ein Spieler, der vorher als Fußballer gutes Geld verdient hatte. Immerhin hatte er schon mit Franz Beckenbauer zusammen in der DFB-Jugendauswahl gespielt und galt damals als eines der größten Berliner Talente.  

Nicht nur wegen des Namens sollen Sie Ärger mit dem Berliner Fußballverband bekommen haben...


Wolfgang Abitz: Um ein Zeichen gegen den Kalten Krieg zu setzen, wollten wir 1982 ein Friedensturnier austragen. Der Verband untersagte uns das, was uns allerdings nicht abhielt, das Turnier trotzdem durchzuführen. Es blieb ohne Konsequenzen. Ende der achtziger Jahre entpolitisierte sich der Verein aber nach und nach und das bis dahin jährlich stattfindende Turnier versandete. Früher diskutierten wir uns nächtelang die Köpfe heiß, sprachen über die Rolle des Kapitalismus, über die Amerikaner und die Sowjets. Es war eine sehr bewegte Zeit. Dann hieß es aber irgendwann nicht mehr »Sportler gegen Atomraketen«, sondern »Sportler gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus«.  

Gab es dafür einen Anlass?


Wolfgang Abitz: Das war zeitgemäßer. Ein Auslöser war, dass in Berlin ein Asylbewerber in den Tod sprang, weil er Angst vor seiner Abschiebung hatte. Das war aber nur einer von vielen Übergriffen in dieser Zeit. Wirtschaftskrisen und Massenarbeitslosigkeit schürten ein fremdenfeindliches Klima, also haben wir durch verschiedene Aktionen auf diesen Konflikt aufmerksam machen wollen. Mittlerweile sind antirassistische Stellungnahmen im deutschen Fußball zum Glück Standard geworden.  

Immerhin tragen Sie das antirassistische Bekenntnis »No Racism« auf der Brust. Anstelle eines Sponsors.


Wolfgang Abitz: Das stimmt nicht ganz. Wir hatten immer auch Partner, die unsere Trikots sponserten. Wichtig war nur, dass die zu uns passen. Manche meinen deshalb, dass wir jetzt auch ein Kommerzverein seien. Aber auch wir müssen sehen, wie wir über die Runden kommen. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich allerdings immer auf Werbung verzichten. Auf ein Trikot gehört das Wappen und sonst nichts.  

Was bleibt dann noch als Alleinstellungsmerkmal des FC Internationale Berlin?


Wolfgang Abitz: Wir erreichen trotzdem viel mehr ohne Geld als andere. Ich bin jetzt seit gut 20 Jahren im Vorstand des Vereins und habe noch den Wunsch, dass wir in die Berlin-Liga aufsteigen. Dass mir alle sagen, so etwas wäre ohne Geld nicht möglich, weckt meinen Ehrgeiz. Und was uns noch unterscheidet: Wir pflegen einen anderen, respektvolleren Umgang. Aber auch das gelingt natürlich nicht immer. Wir hatten 2006 sogar einen Spielabbruch, weil zwei Spieler aus unserer Mannschaft ausgerastet sind.  

Ein Spielabbruch beim friedlichsten Verein der Welt? Was ist denn da passiert?


Wolfgang Abitz: Einer meinte zum anderen, dass er zu langsam sei und schon gab es eine Schlägerei. Wir sind halt auch keine besseren Menschen. Immerhin haben wir gleich gehandelt – und die komplette Mannschaft ins Anti-Aggressionstraining geschickt.

 

Dezember 2011